Eröffnungsrede bezüglich der Eröffnung der Ausstellung in der Risiera (Reismühle) von S. Sabba, am 9. Februar 2003

Prof. Raoul Pupo, Universität Triest

 

Diese Ausstellung, die wir heute eröffnen, konfrontiert uns mit einem der schwierigsten Themen in der Geschichte des europäischen Widerstands = jenes des Widerstands in den Ländern deutscher Sprache und Kultur; diese Themen waren schon vor Ausbruch des 2. Weltkriegs fixer Bestandteil des Dritten Reichs.

Sicherlich gibt es zwischen den Situationen in Deutschland und Österreich Unterschiede, die auch wichtig sind, aber beide Fälle verfügen über ein gemeinsames grundlegendes Element:

Zum Unterschied davon, wie viel in den besetzten Ländern passierte, konnten sich weder in Deutschland noch in Österreich die Widerstand Leistenden auf eine elementare, patriotische Zustimmung, die in der öffentlichen Meinung verbreitet war, stützen, abgesehen von den politischen Differenzen: synthetisierend ausgedrückt wurden die Widerstand Leistenden von der Mehrheit der Bürger nicht als Helden, sondern als Verräter angesehen.

Das machte ihre Position äußerst kritisch, nicht nur wegen des persönlichen, sondern auch wegen des politischen und moralischen Risikos: sie interpretierten nämlich das Land nicht gegen einen anerkannten Feind, sondern widersetzten sich der allgemeinen Gesinnung, der Identifikation zwischen Land und Regime, zwischen Heimatland und Nazismus.

Die Ausstellung macht mit großer didaktischer Klarheit die Besonderheit und das Dramatische einer solchen Situation deutlich:

Ich möchte in diesen wenigen Minuten jedoch nicht den Weg der Ausstellung illustrieren, da eine Ausstellung gesehen und nicht erzählt gehört, und danach können wir sie gemeinsam ansehen;

Ich möchte hingegen nur kurz Ihre Aufmerksamkeit auf zwei Pole lenken, um die sich der Diskurs, der von den Bildern und Paneelen geführt wird, dreht.

Der erste Pol, könnten wir sagen, ist jener der Ambiguität.

  1. Ambiguität ist vor allem die Bedingung Österreichs nach dem Anschluss: Österreich als erstes Opfer der Hitler’schen Expansionspolitik oder Österreich als Teilnehmer am nazistischen Projekt?

Das ist eine der Hauptfragen in der österreichischen Politik des vergangenen Jahrhunderts, und aus staatlicher Sicht ist die Antwort nicht zu bezweifeln: der Anschluss realisierte sich nicht wahlweise, sondern als Frucht einer externen Überwältigung, der sich die österreichische Regierung – schwach und isoliert auf internationaler Ebene – nicht entgegenzusetzen vermochte.

Aber vom Blickwinkel der politischen Geschichte aus gesehen sind die Bewertungen völlig unterschiedlich: der Einmarsch der deutschen Truppen rief im Land eine große Begeisterung hervor, die die Erwartungen Hitlers übertraf.

Darüber hinaus handelte es sich nicht um ein vorläufiges Phänomen, weil sich das Regime in den darauf folgenden Jahren breite Zustimmung verdiente: diesbezüglich erinnert man sich gewöhnlich – was auch die Ausstellung zu tun vermag – an die 700.000 Österreicher, die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei wurden, und dies ist sicher ein viel sagendes Anzeichen für eine massenhafte Zustimmung, aber die Billigung des Hitler’schen Projekts in seinen Grundmotiven war noch viel breiter angelegt:

  1. Eine zweite Ambiguität ergibt sich durch den Austrofaschismus, der in der Illusion der Möglichkeit bestand, einen österreichischen Faschismus ohne und gegen Hitler zu konstituieren.
  2. Dollfuss verlor dabei das Leben, Österreich die Unabhängigkeit.

    Diese Illusion war übrigens Teil einer weitaus allgemeineren Illusion: dass es im Europa der 1930er Jahre einen Austrofaschismus nicht gegen, aber ohne Hitler und auch nicht im Rahmen eines Kondominats mit ihm geben könnte. Dies war die Illusion Mussolinis, und alle Italiener zahlten dafür.

  3. Die dritte Ambiguität reicht noch tiefer. Nach dem ersten Weltkrieg blieb von Österreich ein Land mit einer schwachen nationalen Identität zurück – Folge eines äußeren Zwangs, seitdem der Friedensvertrag die Union mit Deutschland verhinderte: jene Union, die nicht nur von pangermanischen Kreisen gewollt wurde, entsprach der Überzeugung, dass das deutsche Österreich nach Verlust des Reiches in sich nicht über genügend Gründe für eine Existenz verfügte: so schrieb Stefan Zweig „zum ersten Mal in der Geschichte wurde einem Land, das nicht existieren wollte, befohlen: du musst bestehen". Und dies war eine absolut vorherrschende Überzeugung, die gänzlich von der österreichischen Sozialdemokratie geteilt wurde.

Auch die Wiederaufnahme der nationalstaatlichen Identität basierte auf einer von Außen kommenden Entscheidung, nämlich der Moskauer Deklaration vom November 1943, die Österreich als „erstes Opfer" der nazistischen Unterdrückung definierte, und daher die Existenz des österreichischen Staates legimierte und dem Land die Möglichkeit bot, das eigene Schicksal von jenem des Dritten Reiches zu unterscheiden.

Alle diese Ambiguitäten verknüpften sich 1938, und bildeten ein Durcheinander, mit dem jene rechnen mussten, die sich nicht anpassten: in erster Linie waren dies jene, die abgelehnt wurden, wie die Juden, aber auch jene wenige, die sich nicht vom Traum des großen Reichs hinreißen ließen.

Der zweite Pol der Ausstellung ist daher jener der Idealität.

Die Opposition hatte nicht viele Gründe, für die sie appellieren konnten: das Land war zufrieden, hatte eine neue Rolle gefunden, gedieh – auch wenn ein großer Anteil der Intellektuellen, die vielleicht den hauptsächlichen Reichtum und Ruhm Österreicher konstituierten, ins Exil gegangen war –, und früh sollte es die externen Feinde antreffen, wie den russischen Bolschewismus, die wie geschaffen schienen für die Festigung des Bandes zwischen öffentlicher Meinung und jener des Regimes.

Den Oppositionellen nützte es daher wenig, sich umzuschauen:

Sie mussten in sich hineinschauen und konnten nur aus einem Bestand an Werten und Idealen schöpfen, der mit dem nazistischen Projekt unvereinbar war.

Es waren dies die Werte des Sozialismus, die viele Militante ins Gefängnis brachten und zu welchen jene im Gefängnis oder in den Konzentrationslagern gelangten, die vorher vom austrofaschistischen Regime verhaftet worden waren.

Es waren auch die religiösen Werte, die jene belebte, die vormals an ein Übereinkommen mit dem Nazismus geglaubt hatten, aber schon im Oktober 1938 Erfahrungen mit der Intoleranz des neuen Regimes gemacht hatten.

Es waren die Werte der militärischen Ehre, die ihn – wie Joseph Roth schrieb – „angesichts einer Integration ins Heer, die meine Heimat befallen hat" zum Ekeln brachten und die Tausende seiner Landsleute dazu angeregt hatte, sich in den verbündeten Heeren anwerben zu lassen: eine paradox patriotische Wahl, wie sie von einer der Tafeln der Ausstellung definiert wird und die in extremer Weise den Bruch mit den traditionellen Konstrukten nationaler Identität dokumentiert, und die gerade deswegen von der Mehrheit der öffentlichen Meinung nicht verstanden wurde.

Andere Militärpersonen hingegen versuchten aus dem Inneren der bewaffneten deutschen Kräfte heraus zu wirken, indem sie sich mit anderen deutschen Kollegen gegen Hitler verschworen, wie beim Versuch jenes Endaufstandes in Wien, der den verzweifelten Willen darstellte, mit Waffen ein irgendwie erlösendes Bild für das österreichische Volk zu bilden, aber ebenso die objektiven Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit offenbarte, und zwar auch in einer kritischen Angelegenheit wie jener der Auflösung des Reiches.

Teilweise unterschiedliche Charaktere hatte der Widerstand einer anderen Gruppe österreichischer Bürger, und zwar der Kärntner Slowenen, die einem problematischen Prozess der Entnationalisierung unterworfen wurden, dem sie nach 1941 antworteten, indem zahlreiche von ihnen der slowenischen Befreiung zustimmten und auch Partisanentruppen bildeten.

Der Überblick über den österreichischen Widerstand zeigt daher viele Strömungen, die jedoch in ihrer Ganzheit aus politischen Gründen ca. 100.000 Personen ins Gefängnis brachten, von denen 2.700 zum Tode verurteilt wurden, ohne dabei die mehr als 30.000 Toten in den Konzentrationslagern zu zählen.

Eine solche Realität kann natürlich nicht mit dem Maßstab der Wirksamkeit im Kampf gegen das Dritte Reich bewertet werden, und vielleicht auch nicht auf der Basis seines politischen Vermächtnisses, das wegen der schwachen Erinnerung an den Widerstand in Österreich bescheiden gewesen ist, woran uns auch diese Ausstellung erinnert.

Das authentische Kriterium, mit dem wir uns der Erfahrung mutiger Minderheiten nähern, ist jenes moralischen Inhalts, die Fähigkeit des Menschen das Gute vom Schlechten auch in schwierigen Umständen unterscheiden zu können und das eigene persönliche Leben zu opfern, damit die menschlichen Werte nicht zerstört werden.

In diesem Sinn auch möchte die Ausstellung mit dem Zitat einiger Stellen des letzten Briefes von Richard Zach , der durch sein Schicksal einen Blick auf den Bereich jenseits der Grenze des Todes werfen konnte und seinen Familienangehörigen und uns allen eine Friedensbotschaft hinterlässt, geschlossen werden:

Die Zeit ist da, ihr Lieben, zu schweigen. Aber wähnt nicht, daß dieses Schweigen eine Totenstille, eine eisige, würgende Ruhe ist. Nein, im Schweigen liegt ein tiefes, weises - ein wahrhaft göttliches Tönen. Lauscht ihm, entweiht es nicht durch Jammern, horcht dem Heiligen nach wie ich, während ich mich von euch wende. Öffnet die Augen weit, seht ich gehe in die Helle hinein, schaut bis euch die Augen übergehen vor Glück und ich für euch nichts mehr bin als selbst Helle, ein Schimmer, ein Funke gleich, wie jäh er verglühen musste, ein Funke doch und so ein ewiger Teil im Licht.

Euer, immer Euer Richard

23.1.1943

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