„Was ich im Grunde nicht entbehren kann, will ich existieren.“ 
Zum Begriff der Freundschaft bei Thomas Bernhard 
(Walter Wagner, Traun, Österreich)

 

Wenn Bernhard, wie er in der Ursache bekräftigt, Freumbichlers Liebe zu Montaigne teilt, dann kann ihm als aufmerksamem Leser der 27. Essay im 1. Buch der Essais nicht entgangen sein. „Von der Freundschaft“, so der Titel des Textes, beleuchtet die vielfältigen Facetten dieser zu allen Zeiten verbreiteten Form menschlicher Beziehung aus dem Blickwinkel der antiken Philosophen. Diogenes Laertius, Xenophon, Plutarch, Cicero kommen zu Wort und nicht zuletzt Aristoteles, der dem Begriff der philia, also Freundschaft, eine umfassende und „unmittelbar theoretische, ontologische und phänomenologische Form gab“[1]. Montaigne liest die Griechen und Römer, Bernhard liest Montaigne: Die Antike muss den von metaphysischer Unruhe getriebenen Schriftsteller gestreift haben, wenn auch kein Indiz vorliegt, dass er sich ihrer tatsächlich als Quelle der Inspiration bedient hat. Tragen wir indessen dem Umstand Rechnung, dass der Begriff der Freundschaft gerade in der Antike und dort wie in keiner anderen Epoche gepflegt und in einem mannigfachen Schrifttum philosophisch durchdacht wurde, dann drängt sich als Ansatz der Rekurs auf wenigstens zwei Schriften auf: einerseits Aristoteles‘ Nikomachische Ethik, anderseits Ciceros Laelius. Über die Freundschaft.

Laut der aristotelischen Kasuistik gibt es drei Arten von Freundschaft, nämlich eine, die dem Nutzen entspringt, eine zweite, die auf dem Lustprinzip basiert, und schließlich die höchste und ideale Ausprägung, die allein ethischen Überlegungen gehorcht. Ihr entspricht eine vollkommen uneigennützige Haltung der Freunde, die einander an Tugenden ebenbürtig sind: „Vollkommene Freundschaft ist die der trefflichen Charaktere und an Trefflichkeit einander Gleichen.“[2] Da man solche Menschen selten findet, sind derartige Freundschaften laut Cicero überaus rar, daher können „aus allen Jahrhunderten kaum drei oder vier Freundespaare genannt werden“[3]. Dem stimmt Montaigne zu, der angibt, „daß es schon ein Wunder ist, wenn es das Glück in drey Jahrhunderten einmal so weit bringet“[4]. Diese seltene Konstellation tritt nur als „Freundschaft der Guten“[5] in Erscheinung. Sie entsteht nicht urplötzlich, sondern braucht „Zeit und gegenseitiges Vertraut-werden“[6].

Zwar geht den Freunden das Zusammensein über alles, gleichwohl erlischt ihre Vertrautheit durch die räumliche Entfernung nicht. Dauert die Trennung indessen zu lange, „so läßt sich beobachten, daß sie doch auch die Freundschaft in Vergessenheit bringt“[7].

Aufgrund der Einmaligkeit derartiger Beziehungen lässt sich folgender Schluss ziehen: „Freundschaft mit vielen ist im Sinne vollkommener Freundschaft nicht möglich.“[8] Diese Einsicht greift Montaigne in seinen Essais auf: „Allein, dieienige Freundschaft, welche die Seele einnimmt, und dieselbe unumschränkt beherrscht, kann unmöglich zwiefach seyn.“[9]

In Aristoteles‘ Sicht verschmelzen die Seelen zweier hochwertiger Menschen zu einem Wesen, mit anderen Worten „der Freund ist ein zweites Ich“[10]. Cicero geht in seiner Beschreibung sogar noch weiter und erklärt, ein wahrer Freund sei „gleichsam ein besseres Bild seiner selbst“[11].

Nach dieser Einführung ist an Bernhards Figuren die Frage zu stellen, wie sie es denn mit der Freundschaft halten. Werfen wir zunächst einen Blick auf die im Werk vorherrschende Form der Männerfreundschaft und ihre Spielarten.

Postuliert Moro in Ungenach noch, „dass die Freundschaft unmöglich ist“ (UN 26), ja entfährt es Rudolf am Höhepunkt seiner Misanthropie: „Freundschaft, was für ein aussätziges Wort!“ (BN 72), so berichtet der Erzähler in Gehen emphatisch von „einem unglaublichen Freundschaftsverhältnis“ (GE 37) zwischen Karrer und Hollensteiner. Ebenso ist „der beste Freund Roithamers“ (KO 125) zugleich ein Freund von Höller, der wiederum Roithamer freundschaftlich zugetan ist. In Ja beschwört der Gesprächspartner des Realitätenvermittlers seine schon ein Jahrzehnt dauernde „Bekanntschaft und Freundschaft mit dem Moritz“ (JA 7). Euphorisch erinnert der einstige Patient von Grafenhof in der Kälte an die Bekanntschaft mit dem ebenfalls lungenkranken Kapellmeister, eine Episode, von der es heißt: „So hatte eine bis heute andauernde Freundschaft begonnen, eine Zeugenfreundschaft wie keine zweite“ (KÄ 50). Nicht zu vergessen auch die „Lebensfreundschaft“ (UR 84) zwischen Wertheimer, Glenn Gould und dem Erzähler in Der Untergeher. Die Liste dieser sogenannten Freundschaften ließe sich noch fortsetzen, wobei ich auf Paul Wittgenstein und Franz-Josef Murau wegen ihrer besonderen Bedeutung für mein Thema noch eigens eingehen werde. Aus dem bisher Gesagten möchte ich eine erste Schlussfolgerung ziehen und somit These aufstellen: Bernhards fiktive Freundschaften sind oft stark stilisiert und überschwänglich positiv konnotiert. Eine Ausdifferenzierung erfolgt erst ab Wittgensteins Neffe, in dem zugleich das nuancierteste Bild einer freundschaftlichen Beziehung entworfen wird.

Trotz dieser bei Bernhard oft plakativen Verwendung des Freundschaftsbegriffs soll hier eine vorsichtige, aber um nichts weniger systematische Annäherung an denselben unternommen werden. Zunächst ist zu klären, unter welchen Umständen sich der freundschaftliche Funke entzündet. Für Roithamer, Höller und sich selbst resümiert der Erzähler in Korrektur: „Und ich fuhr in der Beschreibung unseres Schulweges fort, der gemeinsame Schulweg hatte ganz selbstverständlich unsere Freundschaft zu dritt begründet, es sei eine Freundschaft für das ganze Leben geworden [...]“ (KO 135).

In der Kälte ergreift der schüchterne Bernhard die Initiative und nähert sich dem um einige Jahre Älteren: „Zuerst hatte ich mich nicht getraut, den Mann anzusprechen, aber dann hatte ich mir Mut gemacht und mich vorgestellt“ (KÄ 50).

Während einer Diskussion über die Haffnersymphonie, die bei einer Freundin stattfindet, entdeckt Bernhard bei seinem Gegenüber ähnliche musikalische Vorlieben, die umgehend in eine Freundschaft münden: „In dieser Debatte, in welcher es naturgemäß nicht um Grundlegendes, aber doch um Entscheidendes gegangen war, das nicht allen dreien gleich und mit derselben Intensität aufgefallen war, hatte sich wie von selbst binnen Stunden meine Freundschaft zu Paul begründet“ (WN 28).

Die Musik steht ebenfalls Pate, als Glenn, Wertheimer und der Icherzähler ihren Bund besiegeln: „Wir hatten uns gleich verstanden, waren, das muß ich sagen, vom ersten Augenblick an angezogen von unseren Gegensätzen, die tatsächlich die entgegengesetztesten waren in unserer selbstverständlichen gleichen Kunstauffassung“ (UR 17).

Auch in Holzfällen initiiert die Kunst die Freundschaft mit Joana: „Sie und alles an ihr war für mich Theater gewesen, und ihr Mann malte, das faszinierte mich, hatte mich von Anfang an angezogen gehabt, dachte ich auf dem Ohrensessel“ (HO 64).

Ähnliche Leidenschaften, ähnliche Aktivitäten markieren sowohl in der Antike als auch bei Bernhard den Ausgangpunkt für eine künftige Freundschaft. Im Gegensatz zur philia bzw. amicitia, die nur Zweierbeziehungen zuließ, dehnt sich dieser Begriff im Kosmos des Österreichers häufig auf drei oder mehr Personen aus. Man denke an die Trias Roithamer, Höller und Erzähler, an Paul und Bernhard samt Lebensmenschen bzw. die gemeinsame Freundin Irina, an Glenn, Wertheimer und den Erzähler oder an den noch größeren Kreis um die Auersberger, Joana und den räsonnierenden Gast in der Gentzgasse. Man vergesse nicht das Murau’sche Beziehungsgeflecht, in das Maria, Spadolini und Eisenberg einbezogen sind, ganz zu schweigen von dem „Idealzustand“ (AU 10), der zwischen Murau und seinem Schüler Gambetti besteht, den wiederum Maria zu ihren Freunden zählt. Erweitern wir den Kreis dieser Untersuchung auf die lebenslängliche Freundschaft zwischen Spadolini und Muraus Vater sowie das ebenso qualifizierte, aber in Wahrheit wohl anders gelagerte Verhältnis zwischen Muraus Mutter und dem römischen Erzbischof, dann entfaltet sich als bestimmende Größe für die Beziehungen der Bernhard’schen Figuren ohne Zweifel die Möglichkeit einer Freundschaft zwischen vielen.

Wie viel Nähe, dürfen wir sagen: Zuneigung? erlauben derartige Männerfreundschaften? Ciceros amicitia zeichnet sich durch nüchterne Eigenverantwortung aus, die dem andern möglichst wenig Freundschaftsdienste abverlangt: „Teils sei übertriebene Freundschaft zu vermeiden, damit sich nicht einer um viele kümmern müßte; genug und übergenug sei es, daß ein jeder für sich und seine Angelegenheiten sorge; in fremde sich allzu sehr einzulassen, sei beschwerlich.“[12] Montaigne erwähnt in diesem Zusammenhang die „beständige und stille Inbrunnst, die holdseelig und artig, nicht aber rauh und stechend ist“[13].

Dazu befindet Roithamer, „[...] daß Respekt oder besser noch Respektierung genau das Mittel sei, welches zwischen Freunden das nützlichste, ihrem und vor allem ihrer Freundschaft das angemessenste, entsprechendste sei [...]“ (KO 67). Dem entspricht „das vollkommen Nichtsentimentale unserer Freundschaft“ (UR 50), wie im Untergeher berichtet wird. Weder leidenschaftliche Gefühlsausbrüche noch grandiose Freundschaftsbeteuerungen haben zwischen Bernhards Charakteren Platz. In dieser Perspektive wird die Unerträglichkeit der folgenden im Höller’schen Hause gefallenen Bemerkung erst begreifbar: „Und ich hatte mich zu der Bemerkung hinreißen lassen, solche Freundschaften wie die unsrige zu dritt dauerten über den Tod hinaus. Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen gehabt, war er mir peinlich gewesen [...]“ (KO 135).

So unangebracht derartige Vertraulichkeiten sein mögen, sie schließen keineswegs ein gewisses Pathos in der Diktion aus, wie es sich in Wittgensteins Neffe und Auslöschung manifestiert. In diesem Sinne erweisen sich die hier evozierten Männerfreundschaften als durch und durch männlich. Zwar fungieren die gemeinsamen Gespräche als essenzielles verbindendes Element, Befindlichkeiten oder Stimmungen werden bei solchen Anlässen allerdings tunlichst verschwiegen. Daher nimmt es nicht wunder, wenn im Falle von Roithamer, Höller und dem erzählenden Dritten „Schweigsamkeit das hervorstechendste Kennzeichen“ (KO 134) ihres gemeinsamen Schulweges bildete. Dieses an die frühen Spaziergänge mit Großvater Freumbichler gemahnende Redeverbot kontrastiert mit den endlosen Tiraden, die Bernhard zu seinem Markenzeichen gemacht hat, und flackert kontrapunktisch in seiner Literatur auf. Taucht Paul Wittgenstein nach einem längeren Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt unversehens in Nathal auf, dann läuft ein auf stiller Übereinkunft beruhendes Ritual ab, das im Wortlosen Anhören von Schallplatten besteht, die Bernhard auf Wunsch seines Freundes auflegt.

Der Verzicht auf den Austausch von Privatem und höchst Persönlichem verhindert es, schmerzliche Themen anzuschneiden. Damit verweigern sich die Freunde tröstlichem Zuspruch. Aber gibt es denn Trost? Vielleicht sind sie bestrebt, dieser Illusion nicht anheimzufallen. Vielleicht aber drückt sich im Schweigegebot auch das Wissen um die Zerbrechlichkeit jeglicher Freundschaft aus. Nietzsche führt die Skepsis als nicht zu unterschätzendes Charakteristikum seiner in Menschliches, Allzumenschliches fragmentarisch entwickelten Phänomenologie der Freundschaft ein: „[...] Denn fast immer beruhen solche menschlichen Beziehungen darauf, daß irgend ein paar Dinge nie gesagt werden, ja daß an sie nie gerührt wird: kommen diese Steinchen aber ins Rollen, so folgt die Freundschaft hinterdrein und zerbricht.“[14]

Worüber bei Bernhard gesprochen wird, ist unverfänglich und vom Ich abstrahiert. Es geht in erster Linie um intellektuelle und ästhetische Themen. Nicht jedermann eignet sich für solche Diskurse; Rudolf Brändle, dessen der Autobiograf in der Kälte gedenkt, erfüllt die hohen geistigen Ansprüche seines jungen Gesprächspartners: „Wir hatten unzählige Themen von Anfang an, die Kunst, die Musik, Salzburg, Österreich, die Krankheit, aber von dieser redeten wir am wenigsten, nicht wie die andern, die beinahe nur von der Krankheit redeten, das brauchten wir nicht [...]“ (KÄ 52). Fehlt der Freund, bleibt der lebenswichtige Dialog aus, lautet Bernhards leidenschaftliches Eingeständnis in Wittgensteins Neffe: „Ohne Paul war mir ganz einfach kein Gespräch über Musik möglich in dieser Zeit, kein solches über Philosophie, über Politik, über Mathematik“ (WN 46). Diese Fähigkeit zur gehobenen Konversation unterscheidet auch Pauls Frau von ihren Geschlechtsgenossinnen. Über sie schreibt der Erzähler: „Ich führte die angenehmsten Gespräche mit ihr und sie war, abgesehen davon, daß sie aus bestem Hause gewesen war, auch noch weit über den gehobenen Durchschnitt hinaus intelligent und charmant dazu“ (WN 67). Analog dazu verhält sich Muraus verbaler Austausch mit seiner Freundin Maria: „Die Gespräche mit ihr sind doch immer die mit dem größten Effekt, gleichzeitig die angenehmsten überhaupt“ (AU 237).

Um das wärmende Feuer der Freundschaft aufrechtzuerhalten, bedarf es bei Bernhard anders als bei Aristoteles keiner Präsenz des andern. Abwesenheit schwächt die emotionale Verbundenheit nicht, geht beispielsweise aus Korrektur hervor:

[...] Wenn wir auch oft für lange Zeit und sehr weit auseinander gelebt hätten, so sei unsere Freundschaft davon niemals betroffen gewesen, auch über allen Schwankungen der von uns gelebten Geschichte nicht, beispielsweise über die Kriegszeit weg, im Gegenteil, diese unsere Freundschaft zu dritt habe sich von Jahr zu Jahr vertieft [...] (KO 135).

 

Wertheimer unterstreicht diesen Gedanken, wenn verkündet: „Wir müssen ja nicht mit einem Menschen zusammensein, um mit ihm wie mit keinem andern verbunden zu sein [...]“ (UR 47). Die oft monatelange Trennung von Paul Wittgenstein und dem Erzähler bestätigt die Großzügigkeit der Freunde, die zugleich als die unerträgliche Schwierigkeit des dauernden Zusammenseins interpretiert werden kann.

Die bisher abgehandelten Aspekte des Bernhard’schen Freundschaftsdiskurses haben das Thema der aristotelischen Kategorien noch nicht berührt. Nutz-, Lust- oder Seelenfreundschaft – wo sollen die Repräsentanten literarischer Freundschaft eingereiht werden? Gewiss spielt Moritz, das „lebensrettende Opfer“ (JA 9), in erster Linie die Rolle des Gebers. Er ist dem vereinsamten Freund notwendig und nützlich; ihre Beziehung nährt sich aus der Fürsorge und Generosität des Grundstücksmaklers. Desgleichen kompensiert die Freundschaft mit Rudolf Brändle einen existenziellen Mangel aufseiten des halbwüchsigen Bernhard:

 

Ich hatte einen Gesprächspartner, von welchem ich vieles lernen konnte, lange hatte ich einen solchen Menschen mit seinen Fähigkeiten vermißt, mir schien, seit dem Tod meines Großvaters hatte ich keinen mehr gehabt, dem ich zuhören konnte, ohne verzweifeln zu müssen, und dem ich vertrauen konnte“ (KÄ 52f)

 

Dass Freundschaft nicht auf dieser niederen, weil opportunistischen Stufe bleiben muss, zeigen Wittgensteins Neffe, Der Untergeher und Auslöschung. Von diesen drei Beispielen vernachlässige ich das mittlere, weil es meines Erachtens im Hinblick auf den Gegenstand meiner Studie zwar in die Richtung einer dem antiken Vorbild gemäßen vollkommenen Freundschaft weist, aber in der Zeichnung der Freunde und ihrer Wechselbeziehungen noch recht schematisch bleibt. Darüber vermag auch die im Folgenden greifbare Apologie nicht hinwegzutäuschen: „Wir wissen naturgemäß zuerst nicht, daß es sich um eine sogenannte Lebensfreundschaft handelt, weil wir sie am Anfang nur als Zweckfreundschaft empfinden, die wir im Augenblick haben müssen, um weiterzukommen [...]“ (UR 129).

Viel ergiebiger für diese Abhandlung ist Wittgensteins Neffe, dem der Verfasser den Untertitel Eine Freundschaft beigefügt hat. In dem autobiografischen Band lässt er die zwölf Jahre währende Freundschaft mit dem Neffen des berühmten Philosophen Revue passieren. Ähnlich wie Montaignes Essay „Von der Freundschaft“ ist dieses Werk als Nachruf konzipiert. Montaigne erweckt den Verstorbenen Étienne de la Boétie zum Leben, Bernhard hingegen Paul Wittgenstein, den er sich zwei Jahre nach seinem Tod, wiewohl innerlich präsent, „mit diesen Notizen noch einmal deutlich machen will“ (WN 32).

Wie deutlich will er ihn sich tatsächlich machen? Wie schwer wiegt der Verlust? Ein Streifzug durch den schmalen Band wird uns Auskunft über das nicht immer leichte Verhältnis zwischen den beiden Exzentrikern geben. Die Schilderung beginnt im schicksalhaften Jahr 1967, in dem sich der Erzähler und Paul wie zufällig in zwei Krankenanstalten auf dem Wilheminenberg befinden: der Lungenkranke im Pavillon Hermann der „Baumgartnerhöhe“, der Geisteskranke im Pavillon Ludwig der Irrenanstalt „Am Steinhof“. Gewissermaßen Seite an Seite liegen sie, um ihr jeweiliges Leiden auszukurieren, was Bernhard „als ein gutes Omen“ (WN 22) betrachtet. Wenn Paul die Anstalt lebend verlässt, werde auch er das Krankenhaus wieder verlassen, denkt Bernhard und verweist mit diesem Parallelismus auf die gemeinsam Bahn ihres Schicksal. Was dem einen widerfährt, trifft auch mich und umgekehrt, überlegt der Schriftsteller, indem er sich – gewöhnlich dem Absurden zugetan – auf die Vorhersehung beruft: „[...] Dass wir beide auf einmal gleichzeitig auf dem Wilheminenberg sozusagen wieder einmal am Ende des Lebens angelangt waren, betrachte ich nicht als Zufall“ (WN 30).

Sind Bernhards Figuren in der Regel von Isolation und Einsamkeit beherrscht, werden uns in diesem Buch Protagonisten vorgeführt, die dieser Bedrohung trotzen. Optimistisch gibt der Patient im Pavillon Hermann preis: „[...] Ich habe meinen Freund im Pavillon Ludwig, und bin aus diesem Grunde nicht allein. Aber in Wahrheit wäre ich auch ohne den Paul in diesen Tagen und Wochen und Monaten auf der Baumgartnerhöhe nicht allein gewesen, denn ich hatte ja meinen Lebensmenschen [...]“ (WN 30). Dieser besonderen Beziehung zu Hedwig Stavianicek wird weiter unter Erwähnung getan werden.

Für Bernhard und Paul gilt wie für die antiken Freundespaare Übereinstimmung der Leidenschaften und gegenseitiges Einfühlungsvermögen. Wittgenstein versteht es wie kein Zweiter, auf den sensiblen, zwischen Wien und Nathal pendelnden Literaten einzugehen. Er hat im Gegensatz zu allen andern Zugang zur außerordentlichen Geisteswelt des Literaten, der über seinen Freund bemerkt:

 

Nach vielen Jahren der ungewollten Freundschaftsabstinenz hatte ich auf einmal wieder einen tatsächlichen Freund, der auch die verrücktesten Eskapaden meines doch recht komplizierten und also gar nicht einfachen Kopfes verstand und auf die verrücktesten Eskapaden meines Kopfes sich einzulassen getraute [...] (WN 37f).

 

 

Innerlich verbunden trennen sie Eigenschaften, die Bernhard wohl bewusst sind, wenn er pointiert konstatiert: „Wir waren gleich und doch völlig anders“ (WN 40). Pauls Opernfanatismus teilt Bernhard ebenso wenig wie sein Faible für Sportwagen oder seine Liebe zum Segelsport. Er distanziert sich auch von den Mitleidsausbrüchen Wittgensteins, der beim Anblick eines bettelnden Mädchens nicht umhin kann, ihm einen Hundertschillingschein zu geben. Der Lungenkranke durchschaut die peinliche karitative Geste und enthält sich eines offenen Urteils, um ihre Beziehung nicht zu trüben, denn er weiß wie Nietzsche um die Fragilität jeglichen Freundschaftsbundes. Zugleich schweigt er aus Rücksicht auf den Freund. Dieser soll nämlich nicht erfahren, dass das Kind von seiner Mutter zum Betteln angestiftet worden ist.

In dieser mindestens aus Bernhards Sicht auf Fürsorge gründenden Freundschaft werden bisweilen die Grenzen der Akzeptanz sowie Toleranz erreicht, zum Beispiel dann, wenn Paul den physischen Sicherheitsabstand verletzt. Hat Bernhard zunächst noch die Absicht, dem Freund im nahen Pavillon für Geisteskranke einen Besuch abzustatten, so fürchtet er plötzlich, er, Paul, könnte die Gelegenheit wahrnehmen und ihn, Bernhard, überraschen: „Ich fürchtete tatsächlich, er könne plötzlich hereinstürzen und mich umarmen und sich an meiner Brust ausheulen. Ich liebte ihn, aber ich wollte mich nicht von ihm umarmen lassen [...]“ (WN 55).

Vor körperlichem Kontakt schreckt der Protagonist zurück, er ist ihm im Gegensatz zu den Possen seines Freundes unerträglich. Pauls zusehender geistiger Verfall, der eine Verwahrlosung seines Äußeren sowie seiner Wohnverhältnisse, zumal nach dem Tod seiner Gattin Edith, nach sich zieht, kühlt Bernhards Verhältnis zu ihm ab. Immer sporadischer werden die Besuche, immer stärker stößt ihn das Elend ab: „Ich hatte ihn plötzlich nicht mehr ausgehalten, fortwährend dachte ich, daß ich ja schon nicht mehr mit einem Lebendigen, sondern mit einem längst Toten zusammensitze und ich habe mich von ihm zurückgezogen“ (WN 127). Der Herr Baron, wie er in seiner Umgebung gern genannt wird, hat sich im Verlauf seiner tödlichen Krankheit in den Schatten seiner selbst verwandelt, und Bernhard will aus reinem Selbsterhaltungstrieb mit einem Todgeweihten nichts zu tun haben, was er natürlich nicht ohne Skrupel registriert: „Ich bin kein guter Charakter. Ich bin ganz einfach kein guter Mensch“ (WN 149). Umgekehrt räumt er die Möglichkeit ein, dass er dem andern, der den Tod schon vor Augen hat, die Begegnung mit dem noch Gesunden ersparen will.

Auf besonders tragische Weise kommt die Trennung zum Ausdruck, wenn Bernhard im „Bräunerhof“ Zeitungen liest und Kaffee trinkt, während Paul apathisch in seiner darüber liegenden Wohnung die ihm noch verbleibende Zeit absitzt. Von den zweihundert Freunden, die sich Wittgenstein als Begräbnisgäste wünschte, erweist ihm nur eine Handvoll die letzte Ehre. Bernhard hätte die Grabrede halten sollen, er erscheint aber nicht. Nüchtern bemerkt er am Ende seiner Erinnerungen: „Er liegt, wie gesagt wird, auf dem Wiener Zentralfriedhof. Sein Grab habe ich bis heute nicht aufgesucht“ (WN 164).

Sollen wir dieses Versäumnis als Akt beispielloser Herzlosigkeit deuten? Oder genügt es, das bereits von Bernhard vorgebrachte Argument, er habe aus bloßem Selbstschutz den Kontakt mit Paul abgebrochen, abermals ins Treffen zu führen? Wollen wir eine Lanze für den Abtrünnigen brechen, dann müssen wir ihn selbst zu Wort kommen lassen. Hält er nicht in seinen Notizen fest, dass es ihm darum zu tun ist, „den Lebendigen, nicht den Toten“ (WN 161) im Gedächtnis zu behalten? Er hat zwar in den letzten Monaten vor dem Ableben die Konfrontation mit Paul gescheut, anderseits errichtet er ihm in der Autobiografie ein über den Tod hinausreichendes Denkmal, in dem die Freundschaft zwischen beiden zugleich als „Sterbensgeschichte“ (WN 161) dokumentiert wird. Ein für das Bernhard’sche Schaffen typisches Paradigma wird in Wittgensteins Neffe fruchtbar gemacht. Freunde sind nur in der Erinnerung lebendig und verbunden. Reminiszenzen an Hollensteiner (Gehen), an Roithamer (Korrektur), an den Hippinger Hansi (Ein Kind), an Gould und Wertheimer (Der Untergeher), an Joana (Holzfällen) und Murau (Auslöschung) erhärten diese These und machen das von Rudolf in Beton vorgebrachte Geständnis erst in seiner vollen Tragweite begreifbar: „Die einzigen Freunde, die ich habe, sind die Toten, die mir ihre Literatur hinterlassen haben, ich habe keine anderen“ (WN 41f).

Welch hoher Stellenwert dieser von Bernhard literarisch verarbeiteten Freundschaft zukommt, tritt anhand der folgenden Reflexion zu Tage, die Teil der nicht stattgefundenen Grabrede hätte sein können: „Im Pavillon Hermann und letzten Endes in Todesangst, ist mir deutlich geworden, was meine Beziehung zu meinem Freund Paul wirklich wert ist, dass sie in Wahrheit die wertvollste von allen meinen Beziehungen zu Männern ist [...]“ (WN 59). In Paul hat er den gefunden, der ihm seine „an sich ja nicht unglückliche, aber doch die meiste Zeit mühevolle Existenz so oft in so hohem Maße glücklich gemacht hat“ [...] (WN 129). Der im Alleinsein Geübte, der wie sämtliche Bernhard’schen Figuren an ein Höchstmaß von Autonomie gewöhnt ist, zeigt sich überraschend von seiner empfindsamen Seite und liefert auf dem Krankenbett – also noch zu Pauls Lebzeiten – ein selten berührendes Geständnis: „Nun hatte ich plötzlich Angst um diesen Menschen, der mir auf einmal zu meinem allernächsten geworden war, daß ich ihn verlieren könnte, und zwar in zweierlei Hinsicht: durch meinen, wie auch durch seinen Tod [...]“ (WN 59). Für Paul findet der Verfasser tatsächlich die Bezeichnung „liebenswert“ (WN 58). Eine ungeahnte Nostalgie bringt das atypische Wort „Sehnsucht“ (WN 59) hervor und lässt es in der folgenden Passage nachklingen, die aufgrund ihrer Humanität zum Schönsten zählt, was Bernhard je verfasst hat:

 

Wie lange entbehre ich schon diese Gespräche, diese Fähigkeit zuzuhören, aufzuklären, gleichzeitig aufzunehmen, dachte ich, wie lange liegen unsere Gespräche über Webern, über Schönberg, über Satie zurück, über Tristan und Zauberflöte, über Don Juan und Die Entführung. Wie lange ist es her, daß er mit mir im Hof in Nathal die Rheinische unter Schuricht angehört hat. Jetzt im Pavillon Hermann weiß ich erst, was ich entbehre, was mir durch meine neuerliche Erkrankung entzogen worden ist und was ich im Grunde nicht entbehren kann, will ich existieren (WN 59f).

 

 

Als Höhepunkt einer Männerfreundschaft ist Wittgensteins Neffe einer eingehenden Analyse unterzogen worden. Ihr absolutes Gegenstück wäre eine Frauenfreundschaft, die bei Bernhard nicht zu finden ist. Dafür wagt er sich an die gewiss schwierigere Form der zwischengeschlechtlichen Freundschaft heran.

Sie wird im Fall von Irina aus Wittgensteins Neffe und Joana aus Holzfällen lediglich angedeutet und erst mit dem Auftauchen von Maria in Auslöschung als sichtbares Motiv in den Handlungsstrang eingewoben. Allerdings nimmt sie nicht den zentralen Platz ein, der anderswo für Paul Wittgenstein vorgesehen war. Für bedeutsam darf die Maria-Episode in Muraus Vermächtnis allemal gehalten werden, weil sie die einmalige Möglichkeit eines freundschaftlichen Austausches mit Frauen in versöhnlichem Ton suggeriert. Es ist hinlänglich bekannt, dass Bernhards Figurenpersonal nur unter großen Schwierigkeiten Umgang mit Frauen pflegt. Ihnen fällt meist die undankbare Rolle der Störenfriede und Kunstverachterinnen zu. Mit der Dichterin Maria, der von der Literaturwissenschaft Anklänge an Ingeborg Bachmann bestätigt werden, gelingt Bernhard zwar kein überzeugender weiblicher Charakter, aber immerhin betritt er kurzfristig Neuland, ohne sich selbst untreu zu werden.

Wie viel Leben haucht er der Freundin Maria ein? Zunächst muss klargestellt werden, dass diese auch mit Eisenberg und Zacchi befreundet ist. Murau steht indessen in einem privilegierten Verhältnis zu ihr, wie aus einem Zettel hervorgeht, den der in Rom wohnhafte Privatgelehrte und Wolfsegg-Flüchtige eines Tages in seinem Briefkasten vorfindet: „Meine große Dichterin schreibt, daß sie Samstag abend mit mir essen gehen will, mit dir allein, sie habe im übrigen neue Gedichte geschrieben für dich, wie sie schreibt.“ Sowohl die deiktische Funktion der Pronomen als auch der Kursivdruck weisen Murau als einen von Maria bevorzugten und begünstigten Umgang aus, was der Erzähler nicht umhin kann zu erwähnen. Ein Stück Papier als tangibles Bindeglied, ja Unterpfand einer Beziehung, die für den Adressaten eine besondere Rolle spielt, verbrieft dieses besondere Verhältnis. In Maria findet Murau einen weiblichen Geistesmenschen und zugleich eine seinen hohen Konversationsbedürfnissen angemessene Gesprächspartnerin. Sie ist klug, gebildet und war wie ihr Wolfsegger Freund gezwungen, dem für ihren Kopf zu kleinen Wien den Rücken zu kehren. Murau und Maria, einander nicht nur phonetisch nahe, finden, nachdem sie den österreichischen Todesboden verlassen haben, in Rom eine zweite, diesmal intellektuell-ästhetische Heimat. Die Stadt des Circus Maximus, der jeweils belasteten Vergangenheit entrückt, bietet den beiden neutrales Territorium, auf dem Freundschaft wie selbstverständlich zu gedeihen vermag.

Murau, der von Marias Vergeistigung angezogen ist, unterliegt ihrer dominanten Ausstrahlung nicht minder. Extravagant in ihrem Hang zu ausgefallener Garderobe und mithin einem Faible, nolens volens die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, tritt sie als Persönlichkeit in Erscheinung, die sogleich die Szene beherrscht. Daraus resultiert notwendigerweise die Rivalität zwischen ihr und dem römischen Erzbischof und Dauerfreund von Muraus Mutter: „Spadolini ist auf seine Weise eine sogenannte große Persönlichkeit, die von Maria abgelehnt werden muß, sie duldet neben sich keine große Persönlichkeit, wie Spadolini im Grunde auch nicht [...]“ (AU 229). Im Gegensatz zu Spadolini, dessen Naturell „das Vatikanische das Künstliche“ (AU 229) eingeschrieben ist, besteht Marias Charme in ihrer Authentizität. Für Murau verkörpert sie sowohl im Leben als auch in ihren Dichtungen das „Natürliche“ (AU 229).

Die Frau von Bildung und Charakter erweist sich obendrein als Lehrmeisterin, eine Aufgabe, die gewöhnlich Männer übernehmen. Freumbichler, des Enkels Mentor, ebenso der Grafenhofer Kapellmeister, der virtuose Pianist Glenn Gould, Murau in seiner Aufgabe als Gambettis Präzeptor – sie alle unterweisen und weisen schließlich dem Jüngeren, in vielerlei Hinsicht Unterlegenen die Richtung. Maria fällt diese Funktion zu, sie gilt neben dem mondänen Kirchenmann als prägende Bezugsperson. Über beide urteilt Murau dankbar: „Von Spadolini habe ich sehen  und beobachten erst richtig gelernt, habe ich zu Gambetti gesagt, von Maria hören. Beide haben mich zu dem geschult, der ich jetzt bin“ (AU 237). Der Blender schärft Muraus Sinn für die Ästhetik der Dinge, während ihm die Dichterin mit ihrer Lyrik die Musikalität der Muttersprache vor Augen führt. „Die deutsche Sprache ist vollkommen antimusikalisch“ [...] (AU 239), behauptet Murau. Dass er Marias Kunst gelten lässt, spricht in ganz besonderem Maße für die Person, der er bewundernd gesteht: „[...] Du hast jetzt mit diesem Gedicht das schönste und beste Gedicht geschrieben, das jemals eine Dichterin in unserer Sprache geschrieben hat“ [...] (AU 511). Wieder bezeichnet Kursivdruck die Tiefe der Empfindung, auf deren emotionale Wahrheit der Verfasser pocht.

Muraus Verbundenheit mit der Dichterin spiegelt sich in seinem Traum wider, der zum besseren Verständnis dieser Ausführungen in Erinnerung gerufen wird. Nach dem Bericht des Erzählers träumte dieser von einem Treffen zwischen ihm, Eisenberg, Zacchi und Maria im Gasthaus Zur Klause, das in der Berglandschaft des Grödnertales lag. Alle vier waren noch nicht älter als zwanzig, Jugendliche also, die sich in besagtem Gasthof eingemietet hatten, um Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung einem Vergleich mit Marias Gedichten zu unterziehen. Während die drei jungen Männer bereits ihr Quartier bezogen hatten, traf Maria, von Paris kommend, wo sie augenscheinlich die Oper besucht hatte, etwas später ein. Murau erinnert sich an ihre seltsame Kleidung, die sie wie eine Darstellerin aus dem Musiktheater aussehen ließ. Als sich die Nachzüglerin im Morgengrauen dem Gasthof näherte, war Eisenberg schon wach, und ging ihr entgegen. Vor dem Haus herrschte Schneetreiben, aus dem Maria „wie in einem elementaren Glückszustand“ (AU 221) heraustrat. Eisenberg, so erinnert sich der Erzähler, trug im Traum Marias Schuhe, da sie barfuß ging.

Im Flur des Gasthofs angekommen, vollziehen die beiden einen Schuhtausch und brechen in schallendes Gelächter aus. Inzwischen ist Murau, der eine schlaflose Nacht verbracht hat, ins Vorhaus gekommen, um die Freundin zu begrüßen. Der Beobachter wird unversehens zum Akteur, als ihm Maria ausgelassen um den Hals fällt. Unbeschwertheit kommt in dieser Szene zum Ausdruck; Angst oder Abscheu, mit denen Bernhards Figuren sonst auf weibliche Avancen reagieren, überfällt Murau im Augenblick der Überraschung nicht. Nun beobachtet Eisenberg, wie die Freundin den Freund küsst, bis er plötzlich aufspringt. Befreiende Libido, Leichtigkeit der Berührung – nur im Traum ist sie dem gehemmten Murau kurzfristig gestattet. Eisenberg, wohl eifersüchtig, verlangt seine Schuhe zurück. Maria, die sich an Murau schmiegt, zieht sie ihm an, küßt ihn und eilt aus dem Haus ins Freie, wo es noch immer schneit. Als sie ins Haus zurückkehrt, serviert der Wirt bereits das Frühstück. Wegen einer Lappalie gerät er mit seinen Gästen in einen wüsten Streit, bei dem er ihnen mit dem Umbringen droht. Bezeichnend ist die Reaktion der Gäste. Eisenberg packt sofort Schopenhauer, während Murau Marias Gedicht an sich reißt, um sie vor dem Wütenden zu schützen. Die völlig ahnungslose Maria drückt sich an Murau, der unversehens zum Beschützer der jungen Frau wird, die er (anders als in der Kussszene) nicht mehr von sich stößt, da er sich in dieser Situation erotisch nicht bedrängt und folglich bedroht fühlt. Gemeinsam flüchten die Freunde – Maria haben sie in ihre Mitte genommen – ins Tal und entkommen auf diese Weise dem tobenden Wirt.

Dieser fantastische Traum zählt zu den ganz wenigen erotischen Szenen, die Bernhard zu beschreiben imstande ist. Er zeugt von einem Verhältnis, dessen latente Sinnlichkeit im Unbewussten verankert bleibt, weil sie im Wachzustand nicht zugelassen werden kann. Schade, möchte man denken, und dankbar zugleich, dass uns der Verfasser einen flüchtigen Blick hinter den Vorhang gewährt hat. Maria bleibt nach allem, was wir über sie erfahren, enigmatisch und fern, eine komplexe Persönlichkeit, die im Traum als Liebhaberin, als Kind, ängstlich und verspielt, und in der Romanhandlung als souveräne Künstlerin, Intellektuelle und Egozentrikerin auftritt. Wie eine Königin empfängt sie ihre Gäste im Bett; Murau hat sie sicherlich des öfteren eine Audienz gewährt, wenn sie sich nicht gerade in einem römischen Lokal ein Stelldichein gegeben haben. Während seiner römischen Zeit ist sie die einzige Frau, mit welcher er das Bedürfnis hat, regelmäßigen Kontakt zu pflegen. Der Traum vom Gasthaus, über den er nicht aufhört nachzusinnen, bringt ihn zur Einsicht, dass dieser Freundschaft etwas Besonderes innewohnt, das er mit keiner anderen Frau bislang erlebt hat: „Was wäre mir Rom wirklich ohne sie, dachte ich. Ein Glück, daß ich nur ein paar Schritte zu machen habe, um mich an ihrer Gegenwart zu erfrischen, ein Glück, daß es sie gibt“ (AU 237).

Wer Bernhards Pessimismus anprangert, darf nicht übersehen, wie viel Vitalität seinem Schaffen innewohnt, er darf auch nicht die positive Kraft menschlicher Beziehungen übersehen, die sich insbesondere in unterschiedlichen und graduell differenzierbaren Freundschaften ausdrückt. Wenn der Autor „Glück“ sagt, wie das in Auslöschung vorkommt, dann offenbart sich darin eine Form der Freude, sprich Lebensfreude, die er nicht nur der Kunst, sondern auch seinen Freundschaftsbeziehungen verdankt.

Auf seine von Biografen hinlänglich dokumentierten Freundschaften gehe ich in meiner Arbeit nicht eingehen. Eine Person mit realem Hintergrund soll indessen ins Rampenlicht rücken, ehe ich meine Abhandlung schließe. Es handelt sich, wie Sie ahnen werden, um Bernhards Lebensmenschen, der seinen Werdegang nachdrücklich prägte und dem in seinem Werk nicht mehr als ein paar Zeilen gewidmet sind, wenngleich er verhüllt als Regers verstorbene Gattin auftaucht.

Wittgensteins Neffe berichtet von dieser einmaligen Frau, die den Protagonisten weder auf der Baumgartner Höhe noch während des Eklats rund um die Verleihung des Grillparzerpreises im Stich lässt. Darüber zu mutmaßen, welcher Natur ihre Beziehung in Wahrheit gewesen sein mag, verzichte ich. Hier muss der vom Autor gelieferte Hinweis genügen, mit dem er den Daseinsgrund der langjährigen Freundschaft umreißt: „Die Eingeweihten wissen, was alles sich hinter diesem Wort Lebensmensch verbirgt, von und aus welchem ich über dreißig Jahre meine Kraft und immer wieder mein Überleben bezogen habe, aus nichts sonst, das ist die Wahrheit“ (WN 31).

Sie ist die für das Werden des Menschen und Künstlers wichtigste Persönlichkeit, nachdem Johannes Freumbichler verstorben ist. In Interviews adressiert er sie als „Tante“, in der Literatur verleiht er ihr neben dem bereits erwähnten den Titel „Lebensfreundin“ (WN 30). An anderer Stelle wieder taucht die mütterliche Freundin, die sich Bernhard gegenüber bedingungslos loyal verhält, unter der neuen Bezeichnung „Lebensgefährtin“ auf. Sepp Dreissingers Gespräche geben folgenden Erklärungsversuch Bernhards wieder:

 

Meine Mutter ist mit 46 Jahren gestorben. Das war 1950. Ein Jahr vorher hatte ich meine Lebensgefährtin kennengelernt. Das war zuerst eine Freundschaft und eine ganz starke Bindung an einen viel älteren Menschen. Wo ich auch immer war in der Welt, war das der zentrale Punkt, aus dem ich eigentlich alles genommen habe.[15]

 

 

Welche Lesart lässt diese Aussage zu? Es ist anzunehmen, dass diese Beziehung, zumal am Beginn, eine Nutzfreundschaft darstellte. Der angehende, nach Ausdruck und Form suchende Dichter nimmt die emotionale und anfangs finanzielle Zuwendung gerade an jenem existenziellen Wendepunkt bereitwillig an. Sie fahren gemeinsam auf Sommerfrische in den Süden, Hedwig Stavianicek nimmt den unruhigen Freund in ihrer Wiener Wohnung auf, er im beherbergt sie im Gegenzug in seinem Bauernhof. Ist es den antiken Freunden höchste Lust, gemeinsam ihre Zeit zu verbringen, so erträgt Bernhard die räumliche Koexistenz nur vorübergehend. Wie sämtliche seiner Charaktere ist der Schriftsteller selbst auf Distanz bedacht, insbesondere wenn er schreibt. Nähe, müssen wir aus den Texten schließen, ist nur aus der Entfernung möglich. Der Abstand, den der Vorgang des Schreibens oder der endgültige Abschied nach dem Tod Stavianiceks mit sich bringt, schafft jene Verhältnisse, die eine geläuterte Einschätzung dieser wichtigsten Bezugsperson ermöglicht, selbst wenn sie Bernhard in keinem seiner Werke zum Mittelpunkt seiner Sprachkunst macht. Zwar berichtet Rudolf Brändle[16], dass sein Freund vorhatte, der Tante ein literarisches Denkmal zu setzen, d. h. ein  Buch zu verfassen, das den Titel Kopfzerbrechen. Eine Romanze hätte tragen sollen. Wie ernst er es wirklich mit diesem Vorhaben meinte, bleibt dahingestellt.

Am Ende meiner Reflexionen angelangt, möchte ich in Form eines Resümees eine kurze Typologie der Freundschaft bei Thomas Bernhard erstellen. Wie einschlägige Textstellen belegen, beschränken sich freundschaftliche Beziehungen mit Ausnahme der erwähnten auf Männer. Nach außen nüchtern und unsentimental, entfalten sie nach innen die Fülle des Erlebens. Sie erweisen sich als nützlicher Umgang, zumal sie für den Erzähler je ideale Gesprächspartner darstellen. Der Spezies der Geistesmenschen zugehörig, begünstigen sie das Zustandekommen von Geistesfreundschaften, die der Literat über alles schätzt. Nur zu drei Figuren betont Bernhard die tiefe seelische Verbundenheit, die gemäß den antiken Vordenkern als Zeichen wahrer Freundschaft betrachtet werden darf. Paul Wittgenstein, Maria und der flüchtig skizzierte Lebensmensch bereichern den Bernhard’schen Freundschaftsdiskurs um diese Komponente. Aus ihrer Existenz schöpft er jenes Maß an Zuneigung, dem die Unbedingtheit der Liebe eignet. Dieser und dem ihr zugrunde liegenden musikalischen „Gesprächs-Kunst-Raum“ gelingt es, Bernhards Antihelden für Momente aus der Zwangsjacke der Monomanie zu lösen, um sie von der Marginalität ins Zentrum der Allgemeinheit zu befördern. Erst unter dem heilenden Einfluss der Freundschaft offenbart sich ihr menschliches Gesicht. Ihre Entdeckung ist in der Tat befreiend. Sowohl für Bernhards Freunde als auch für die Freunde von Bernhards Literatur.


Liste der verwendeten Siglen

 

Auslöschung                         AU

Beton                                      BN

Gehen                                    GE

Holzfällen                              HO

Ja                                           JA

Die Kälte                              

Korrektur                               KO

Ungenach                             UN

Der Untergeher                    UR

Wittgensteins Neffe            WN



[1] Jacques Derrida, Politik der Freundschaft, Übers. von Stefan Lorenzer, Frankfurt 2000, S. 23.

[2] Aristoteles, Nikomachische Ethik, Übers. von Franz Dirlmeier, Stuttgart 1969 (= Reclam 8586), S. 217.

[3] Cicero, Laelius. Über die Freundschaft, Übers. von Robert Feger, Stuttgart 1970 (= Reclam 868), S. 9.

[4] Michel de Montaigne, Essais I, Übers. von Johann Daniel Tietz, Zürich 1996 (= detebe 22880), S 323.

[5] Aristoteles, Nikomachische Ethik, S. 220. Vgl. auch Cicero, Laelius, S. 10.

[6] Ebda., S. 218.

[7] Ebda., S. 221.

[8] Ebda., S 223.

[9] Montaigne, Essais I, S. 340.

[10] Aristoteles, Nikomachische Ethik, S. 265.

[11] Cicero, Laelius, S. 13.

[12] Cicero, Laelius, S. 22.

[13] Montaigne, Essais I, S. 327.

[14] Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Frankfurt 1982 (= it 614), S. 225f.

[15] Sepp Dreissinger (Hsg.), Von einer Katastrophe in die andere. 13 Gespräche mit Thomas Bernhard, Weitra 1992, S. 140.

[16] Vgl. Rudolf Brändle, Zeugenfreundschaft. Erinnerungen an Thomas Bernhard, Frankfurt 2001 (= st 3232), S. 114.

 

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