Karl Stuhlpfarrer

Der österreichische Widerstand

(Eröffnungsrede der Ausstellung am 30.1.2002 an der Universität Udine)

 

Es ist nicht leicht, an dieser Stelle vom österreichischen Widerstand gegen den Nazismus zu sprechen, nicht nur deshalb, weil die Österreicher diese Region von September 1943 bis zum Ende des Krieges 1945 militärisch und zivil besetzten, sondern auch wegen der österreichischen Innenpolitik und damit zusammenhängend der Moskauer Deklaration vom 1. Oktober 1943, in deren Folge die drei Großmächte USA, Sowjetunion und Großbritannien Österreich als erstes Opfer des Hitler’schen Angriffs betrachteten und gleichzeitig geltend machten, dass bei Kriegsende das österreichische Schicksal auf der Basis der Tatsache, dass Österreich selbst aktiv bei der eigenen Befreiung vom Nazismus gewesen war, beurteilt werden sollte.

Vorrangiges Interesse und Ziel der österreichischen Politik in der unmittelbaren Nachkriegszeit war es zunächst, auch die geringste Aktivität – praktisch oder gedanklich - ans Licht zu stellen, was als nützlich betrachtet werden konnte, um sowohl die österreichischen Forderungen hinsichtlich Südtirols zu unterstreichen, als auch um sich gegen die jugoslawischen Forderungen an Südkärnten zu verteidigen; außerdem sollte es vermieden werden, Reparationszahlungen für den Krieg zahlen zu müssen.

Es gab daher staatlich motivierte Gründe, Wesen und Wirken des eigenen Widerstands überzubewerten.

Andererseits und aufgrund der engen Zusammenarbeit großer Teile der österreichischen Bevölkerung mit dem nazistischen Regime zumindest in den ersten Jahren des Regimes, betrachteten nicht wenige Österreicher (was als nicht perfekt gelungene Entnazifizierung nach der Kapitulation der Nazis in den ersten Jahren der wiedergeborenen Republik Österreich gesehen wird) den Widerstand als Werk von Verrätern und waren ihm feindlich gestimmt, weil er mit dem Feind zusammengearbeitet hatte, was als rein kommunistisch betrachtet wurde. Die kommunistische Bewegung im Österreich der Nachkriegsjahre und danach hatte wenig Erfolg und wurde aufgrund ihrer engen Verbindung zur Sowjetunion, eine der im Land am meisten gehassten Besatzungsmächte bis 1955, diskriminiert.

Diese zwei Strömungen stehen bis heute im Gegensatz, die eine diskriminierend, die andere überbewertend, und beide verhindern eine wahrheitsgemäße Rekonstruktion der Wirklichkeiten, in welchen sich die Organisation und die Aktion des österreichischen Widerstands seit dem Anschluss 1938 bis zur Kapitulierung 1945 entwickelten.

Es stimmt, dass die österreichische Regierung mit der Unterstützung des faschistischen Italiens sich der Gefahr der Nazis ab 1934 wider stellte, aber da alle demokratischen Strukturen zerstört worden waren, fehlte ihr gleichzeitig auch – und das immer mehr – die Zustimmung der Bevölkerung, die sich am Nazismus in der Hoffnung orientierte, die Probleme der Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Stagnation zu lösen. Diese Einstellung wurde von nicht wenigen Vertretern der Wirtschaftsklasse geteilt.

Die Nazifizierung Österreichs im März 1938 vollzog sich daher nicht nur unter der Bedrohung der deutsch-nazistischen Militärintervention, aber auch infolge der weit verbreiteten Zustimmung der Bevölkerung dem Nazismus gegenüber. Der Prozess der Nazifizierung vervollständigte sich jedoch nur durch den Staatsstreich des Innenministers, Arthur Seyss-Inquart, mittels des Gebrauchs der Kommunikationsstrategien derselben österreichischen Diktatur.

Auch wenn die Nazisten sofort nach dem Anschluss einen Teil der Heeres- und der Polizeifunktionäre sowie der Richterbehörden eliminierten, kann man die fortlaufende Ausdehnung des Staatsapparates und seiner Instrumente nicht leugnen, zum Teil auch schon unter dem Schutz der nazistischen Kollaborateure vor dem Anschluss.

Die Zustimmung der Bevölkerung, die teilweise Kontinuität des Staatsapparates und erste sehr strenge Maßnahmen der Gestapo und der SS hinderten den Österreichischen Widerstand nicht daran, die ersten Aktionen gegen den Nazismus durchzuführen. Beinahe 70.000 Personen wurden in den ersten Wochen der Nazifizierung verhaftet, mehrere hundert in das Konzentrationslager Dachau deportiert, unter ihnen auch die wichtigsten Wortführer der jüdischen Gemeinde.

Wenig später konstruierte man ebenfalls in Österreich das Konzentrationslager Mauthausen.

Die Juden waren die erste Zielscheibe des Hasses und der Gier der Österreicher, die vor den Augen der Polizei, und dies in besonderer Weise vor allem in Wien, das jüdische Vermögen raubten und zertrampelten.

Die Kommunisten waren die ersten, die Widerstand leisteten, mit Flugblättern, Plakaten, Aufschriften auf Mauern und anderen Mitteln der Gegenpropaganda. Sie waren die am besten Organisierten, die zahlreichsten und Experten von Untergrundaktionen, weil sie schon während der österreichischen Diktatur 1933 aktiv gewesen waren.

Die Kommunisten vereinigten sich in organisierten Gruppen in allen Industriezonen Österreichs, sowie in allen Eisenbahnverkehrsknotenpunkten. Eben da sie die aktivste unter den Widerstandsgruppen gewesen sind, haben sie auch die größten Verluste erlitten. Ein Zentralkomitee der Untergrundpartei nach dem anderen wurden von der Gestapo entdeckt, die Mitglieder der Organisationen eingesperrt und nicht wenige von ihnen hingemetzelt. Man schätzt, dass ca. 6.300 eingesperrt wurden.

Die Sozialistischen Revolutionäre, welche die sozialdemokratische Tradition fortführten, waren nicht weniger aktiv, wirkten aber mehr im Gruppeninneren: sie wurden 1938 und unmittelbar bei Kriegsausbruch massenweise eingesperrt. Die wichtigste Gruppe formierte sich im Kreis eines Mittelschullehrers, Johann Otto Haas, in Wien. Bis Mitte 1942 konnte Haas eine starke Gruppierung in Wien bilden, die auch eine intensive Verbindung zu Salzburg und München hatte. Als die Gruppen entdeckt wurden, wurde mehrere hundert Mitglieder eingesperrt, allein in Salzburg wurden vierzig zum Tode verurteilt.

Ein ähnliches Schicksal erfuhren Gruppen der konversativen Opposition, die aus Austrofaschisten und Monarchisten unter der Führung von Karl Roman Scholz, dem Augustiner-Domherr in Klosterneuburg, Karl Lederer, und Jakob Kastelic, bestanden. Von einem Gestapo-Spion schon Mitte 1940 angezeigt, wie übrigens auch die Sozialisten von einem ihrer ehemaligen Gefährten, wurden vierhundert Personen der drei Gruppen eingesperrt und zwölf zum Tode verurteilt.

Das größte Problem des österreichischen Widerstands bestand darin, dass er sich nicht als eine gemeinsam handelnde Gruppe organisieren konnte, was auch deshalb unwahrscheinlich war, da die politischen und ideologischen Ziele unterschiedlich waren: diejenigen, die Österreich als unabhängigen Staat wollten, also die Kommunisten und Monarchisten, waren Gegner eines demokratischen Politsystems; diejenigen, die sich für die demokratische Rekonstruktion interessierten, fochten das Problem Nation an: die Sozialisten und die Kommunisten, wobei erstere an ein nicht unabhängiges, sondern ein in ein großes sozialistisches Deutschland eingegliedertes Österreich dachten.

Außerdem fehlte es auch an einer starken und beständigen Unterstützung großer Teile der Bevölkerung. Für einen annähernden Vergleich: hunderttausend Anhänger des Widerstands mussten sich mit siebenhunderttausend österreichischen Mitgliedern der nationalsozialistischen Partei konfrontieren.

Es war nicht so, dass es eine der Situation kritisch gegenüberstehende Opposition nicht gab. In Wien gab es die ersten Reaktionen von Unzufriedenheit bei der Bevölkerung schon sofort nach dem Ausbruch des Krieges 1939. Am großen zentralen Markt in Wien, dem Naschmarkt, beklagte sich die Bevölkerung über das schlechte Angebot an Lebensmitteln wienerischen Geschmacks: wenig Mehl und wenig Fett; die Straßenbahnen fuhren unregelmäßig, und, was noch schlimmer war, die Cafés mussten schon um ein Uhr nachts schließen.

Und dann, zur größten Empörung der Nazis, waren immer Witze wie folgender im Umlauf:

Zwei Soldaten der Wehrmacht in Wien treffen sich: Der eine fragt den anderen: was wirst du nach dem Krieg machen? Ich werde eine große Radtour durch ganz Deutschland machen, antwortet der andere. Gut, sagt der eine. Das am Vormittag, aber was würdest du am Nachmittag machen?

Und dann die Jugendlichen, die so genannten „Schlurfs", weil sie beim Gehen immer mit den Füssen schleiften und sich lange Haare wachsen ließen. Zu jung, um im Heer aufgenommen zu werden, kämpften sie immer gegen die Hitlerschen Jugendlichen.

Aber der entscheidende Wendepunkt in der Zustimmung der Österreicher, zumindest im östlichen Teil des Landes, vollzog sich mit der Niederlage des deutschen Heeres in Stalingrad. In wenigen Familien gab es keine Gefallenen, wenige Überlebte glaubten noch an einen Endsieg Hitler-Deutschlands.

Schon im November 1941 hatte die Anstiftung zur Desertion für die deutsche Nachhut über das Radio von Seiten der Roten Armee begonnen, um die Österreicher zum Desertieren zu bewegen. Auch die Amerikaner warben gegen Kriegsende manchmal österreichische Freiwillige an, um hinter den Kampflinien in Österreich zu kämpfen, wie es glücklicherweise in der alpinen Zone Oberösterreichs passierte, manches Mal jedoch wurden sie angezeigt und gemeinsam mit den Familienmitgliedern, die ihre Unterstützung angeboten hatten, hingemetzelt.

Auch die ersten slowenischen Partisanengruppen in Kärnten waren Deserteure, und sie bekämpften an der Seite der Partisanen in Jugoslawien auch österreichische Bataillons. Einige österreichische Deserteure fanden auch im Veneto Unterschlupf.

Eindrucksvoll war der Fall des ehemaligen Luftfahrt-Leutnants, Robert Schollas, wahrscheinlich Wiener, der mit der Division „Osoppo" zusammenarbeitete: „...nehmt Eure Waffen", schrieb er 1944 in einem an die Österreicher gerichteten Appell, „und kommt zur Division Osoppo Friuli, stellt Euch dem Kampf für die Gerechtigkeit und den Sieg der Demokratie. Die österreichische Befreiungsbewegung wartet auf Euch."

Schollas wurde im November 1944 von der Landwacht in Kärnten erschossen.

Die Österreicher waren immer präsent: Opfer und Verfolger; versteckte Deserteure und Gestapo-Funktionäre; Führer und Opfer in den Vernichtungslagern; monarchistische, sozialistische oder kommunistische antinazistische Aktivisten, Denunzianten ehemaliger Kameraden; blutrünstige Generäle oder von den SS wegen ihres Versuchs, Wien vor dem Kriegsgräuel zu bewahren, gehenkte Beamte.

Wenn man die Zahlen der einen mit jenen der anderen vergleicht, kann man nichts anderes als ein beträchtliches Ungleichgewicht festzustellen.

Heute jedoch, nachdem mehr als ein halbes Jahrhundert seitdem vergangen ist, müssen wir uns noch fragen, wie viel Platz in unserem Erinnerungsvermögen wir hergeben müssen. Ein Aufruf zum Vergessen scheint mir die falsche Lösung zu sein. Wir müssen wählen, welche Tradition unserer Meinung nach vorherrschen soll.

 

Ritorna alla pagina precedente